Virchow, Rudolf

Vorbemerkung des Herausgebers

Der folgende Vortrag des Mediziners Rudolf Virchow wurde (erstmals) im Jahre 1889 in der Zeitschrift für Ethnologie, Bd. 21, veröffentlicht. Er zeigt, wie man im 19. Jahrhundert die Herkunft der Hauskatze verstand – lange bevor genetische Untersuchungen möglich waren. Viele seiner Beobachtungen sind kulturhistorisch wertvoll, einige jedoch aus heutiger Sicht überholt.

In der linken Spalte der Folgeabsätze findet sich der Originaltext. Die Infoboxen rechts enthalten jeweils eine kurze einordnende, wissenschaftliche Kommentierung.
(Hinweis: Die Zwischenüberschriften stammen nicht aus dem Originaltext. Sie wurden zur Verbesserung der Übersichtlichkeit editorisch gesetzt.)

Herkunft und Geschichte der Hauskatze

von Rudolf Virchow (1821-1902)

Problem der antiken Quellen

Kommentar

~ Archäologisch bestätigt: In Europa fehlen alle prähistorischen Katzenfunde. Die Hauskatze erscheint erst mit den Römern.
~ Die Erwähnung bei Palladius (catus) ist kein Beweis für eine frühe europäische Hauskatze; der Begriff ist alltagssprachlich, nicht zoologisch.
~ Die alte Indien‑Hypothese (Darwin/Blyth) ist heute vollständig widerlegt. Genetisch gibt es keine indische Linie.
~ Virchows Hinweis auf die Unsicherheit antiker Tiernamen ist methodisch modern: Begriffe wie felis, musio, ailouros sind nicht taxonomisch.
~ Für die Domestikationsgeschichte sind philologische Quellen ungeeignet; entscheidend sind Genetik und Archäologie.

"Bekanntlich ist die Hauskatze in Europa noch sehr jung. Victor Hehn hat mit bekannter Gelehrsamkeit die Zeugnisse für das erste Auftreten der Hauskatze in Europa gesammelt; er findet die erste Erwähnung derselben, damals schon unter dem Namen Catus, bei Palladius, der gegen Ende des Weströmischen Reiches schrieb.

In der Tat sind Katzenknochen weder in prähistorischen noch in klassischen Trümmerstätten aufgefunden worden. Von wo die Katze eingeführt worden ist, darüber ist nichts ermittelt; außer Ägypten könnte höchstens Indien genannt werden, wenigstens erwähnt Darwin, Mr. Blyth habe ihm mitgeteilt, dass in einer zweitausend Jahre alten Sanskrithandschrift Hauskatzen erwähnt werden.
Leider ist genaueres darüber nicht angegeben und es muß bei der Unsicherheit der alten Terminologie darauf gehalten werden, dass nicht etwa durch blosse Übersetzungsfehler falsche Vorstellungen erweckt werden."

Herodot und griechische Quellen

Kommentar

~ Herodots Tierbezeichnungen sind mehrdeutig. Sein Begriff kann Wildkatze, Falbkatze oder Marder meinen.
~ Antike Autoren beschreiben Tiere funktional, nicht biologisch. Artgrenzen existieren in ihren Texten nicht.
~ Virchows Skepsis ist aus heutiger Sicht korrekt: Herodot ist keine zoologische Quelle, sondern eine kulturhistorische.
~ Moderne Forschung nutzt griechische Texte nicht zur Rekonstruktion der Domestikation.
~ Genetisch eindeutig: Die Hauskatze stammt nicht aus Griechenland oder Ägypten, sondern aus dem Fruchtbaren Halbmond.

"Auch die Angaben der alten griechischen Schriftsteller leiden unter diesem Fehler.

Herodot gebraucht den Namen ____ oder ___, der, wie Hehn ganz richtig gezeigt hat, auch auf den Marder oder die Wildkatze bezogen werden kann, gleichwie das lateinische Felis keineswegs mit Sicherheit die Hauskatze bedeutet."

Ägypten als möglicher Ursprungsort

Kommentar

~ Ägypten war ein Zentrum der Verehrung, nicht der Domestikation. Genetische Studien zeigen eindeutig: Die Hauskatze wurde nicht am Nil domestiziert, sondern tausende Jahre früher im Fruchtbaren Halbmond.
~ Der „Widerspruch“ der späten europäischen Verbreitung erklärt sich durch den Kultstatus. Die ägyptische Katze war primär sakral, nicht ein Nutz- oder Handelstier. Die römische Verbreitung erfolgte später über östliche Handelswege, nicht über Ägypten.
~ Herodots Hinweis auf Bubastis beschreibt Kultpraxis, keine Herkunft. Die Bestattung in Bubastis ist kulturhistorisch korrekt, aber zoologisch irrelevant.
~ Mumienfunde in Bubastis, Theben und Scheich Hassan belegen religiöse Bedeutung. Die meisten stammen aus der Spätzeit und sind Opferkatzen, oft eigens gezüchtet.
~ Die geographische Streuung der Mumien sagt nichts über die Abstammung aus. Sie zeigt die Verbreitung des Bastet‑Kultes, nicht mehrere Domestikationszentren.
~ Bubastis bleibt ein wichtiges religiöses Zentrum, aber kein biologischer Ursprung. Die dortigen Funde dokumentieren Kult, nicht Domestikation.

Immerhin spricht vieles dafür, dass die Hauskatze im alten Ägypten bekannt war, und wenn dies der Fall wäre, dass sie auch in Ägypten domestiziert worden ist.

Nichtsdestoweniger muß es auf den ersten Blick auffallen, dass ein so nützliches Tier, wenn es schon seit alten Zeiten in Ägypten gezähmt war, in keines der europäischen Kulturländer eingeführt sein sollte, selbst nicht einmal zur Zeit der Römer, die doch so nahe und dauernde Beziehungen mit Ägypten hatten.

Herodot (II. 67) gibt an, dass die Leichen der Katzen in heilige Gebäude in der Stadt Bubastis gebracht daselbst einbalsamiert und bestattet wurden.

Da jedoch Katzenmumien in großer Zahl auch an anderen Orten gefunden sind, z.B. in dem Felsentempel von Scheichhassan und in Theben (heute Luxor), so hat Wilkinson gemeint, die Angabe des Herodot habe sich nur auf die in der Nähe von Bubastis gestorbenen oder auf die von ihren Besitzern besonders geschätzten Tiere bezogen.

Die Tatsache, dass Katzenmumien auch an anderen Orten gefunden werden, mildert er durch die Erwägung, dass die Göttin Bast auch in Theben und an anderen Orten verehrt wurde.

Mag also auch die Mitteilung des alten Geschichtsschreibers eine zu einseitige gewesen sein, immerhin darf daran festgehalten werden, dass Bubastis ein, wenigstens für Unterägypten, weithin gesuchter Ort zur Beisetzung toter Katzen war.

Wilkinson, Strabon, Cicero, Diodor (Ägyptische Verehrung)

Kommentar

~ Wilkinsons Material ist kulturhistorisch wertvoll, aber kein Hinweis auf Domestikation. Seine Sammlung zeigt die religiöse Bedeutung der Katze im Alten Ägypten, nicht ihren biologischen Ursprung.
~ Strabon, Cicero und Diodor bestätigen den extremen Schutzstatus der Katze. Die Berichte über Tötungsverbote und Lynchjustiz spiegeln die sakrale Aufladung des Tieres wider — ein sozial‑religiöses, kein zoologisches Phänomen.
~ Die ägyptische Verehrung erklärt sich aus Kultlogik, nicht aus Herkunft. Die Katze war Symboltier der Bastet und Teil eines religiösen Systems, das bestimmte Tiere als unantastbar definierte.
~ Die Todesstrafe für das Töten einer Katze ist historisch belegt, aber nicht domestikationsrelevant. Sie zeigt die gesellschaftliche Funktion der Katze im ägyptischen Kult, nicht ihre Rolle als Haustier im modernen Sinne.
~ Die religiöse Behandlung im Tod (Einbalsamierung, Bestattung) ist ein Ausdruck des Kultes. Die Mumifizierung belegt die sakrale Bedeutung, nicht die Abstammung oder den Beginn der Haustierwerdung.

Die Nachrichten über die altägyptische Katze hat Wilkinson mit großer Sorgfalt gesammelt.

Noch Strabon (Lib. XVII. cap. I. 40) berichtet, dass alle Ägypter drei Vierfüßler, das Rind, den Hund, und den verehrten, und Cicero (De natura deorum I. 29) bemerkt, dass noch nie jemand habe erzählen hören, dass ein Ägypter eine Katze getötet habe.

Ja, eine solche Tötung war mit Todesstrafe bedroht, und Diodor (I. 83) meldet, dass sogar unter römischer Herrschaft ein Römer, der zufällig eine Katze getötet hatte, vom Volke ermordet wurde.

Einer solchen Verehrung im Leben entsprach die Behandlung nach dem Tode.

Bubastis, Bastet, Tempel

Kommentar

~ Bubastis war das zentrale Bastet‑Heiligtum Unterägyptens. Die Darstellung der Göttin mit Katzenkopf erklärt die außergewöhnliche Konzentration von Kultmaterial und Bestattungen an diesem Ort.
~ Herodots Gleichsetzung Bastet = Artemis ist typische griechische Interpretation. Hilfreich für Kulturgeschichte, aber nicht für Zoologie.
~ Die Bedeutung von Bubastis reicht tief in die ägyptische Geschichte zurück. Erwähnungen ab der II. Dynastie und die Verlegung des Königssitzes in der XXII. Dynastie belegen die politische und religiöse Relevanz des Ortes.
~ Die mehrfachen Bodenerhöhungen (Ramses II., Sabako) spiegeln ökologische Anpassungen im Nildelta. Sie erklären, warum der Tempelbereich archäologisch als mächtiger Schutthügel erhalten blieb.
~ Der heutige Tell Basta ist ein archäologischer Erinnerungsort. Der Hügel bewahrt die Reste des zerstörten Tempels und die massenhaften Funde katzenköpfiger Figürchen — typische Votivgaben des Bastet‑Kultes.
~ Masperos Hinweis auf „Katzen von Bubastis“ beschreibt Kultmaterial, nicht Haustiere. Die Figürchen und Funde belegen die religiöse Bedeutung der Katze, nicht ihre Domestikation oder biologische Herkunft.

Es hing dies offenbar damit zusammen, dass Bubastis den Haupttempel der Göttin Bast enthielt, welche mit einem Katzenkopf dargestellt wurde; Herodot identifizierte sie mit der griechischen Artemis. er beschreibt ausführlich den Tempel und die Feste, welche weither die Bevölkerung zusammenführten.
Man fuhr dahin auf Booten, da die Stadt an dem ehemaligen Tanitischen arme des Nils, nahe dem Lande Gosen gelegen war. Sie reicht bis in die Anfänge der ägyptischen Geschichte zurück, denn Pibast (bei Ezechiel: Pibeseth) wird schon im Beginn der II. Dynastie erwähnt, und die XXII. Dynastie (zehntes bis achtes Jahrhundert) verlegte dahin sogar den Königssitz. Aber schon Ramses II. (Sesostris) war genötigt gewesen, wegen der, infolge der Erhöhung des Nilbettes stets steigenden Überschwemmung des Landes, den Boden der Städte im Delta zu erhöhen, und der äthiopische König Sabako (XXV. Dynastie) hatte eine neue Erhöhung vornehmen müssen.

Nirgends erreichte dieselbe (Herodot II. 137) eine größere Höhe als in Bubastis, dessen Tempel inmitten der Stadt lag. Aber der Tempel und alle Herrlichkeit mit ihm zerfielen im Laufe der Zeit, und nichts war von ihm übrig geblieben, als der aufgeschüttete Erdwall mit massenhaften Trümmerhaufen und die schwache Erinnerung des Volkes, welches den aus der Deltaebene hervorragenden Schutthügel in der Nähe des heutigen Zagazig, der Hauptstadt des Scherkiye, noch immer Tell Basta nannte. Und von diesem Schutthügel wusste man schon lange, dass man darin katzenköpfige Figürchen zu Tausenden ausgrub.

"Die Katzen von Bubastis und die Löwen von Tell es-Seba füllen unsere Museen", sagt Maspero.

Nachbemerkung

Heute gilt als gesichert, dass die Hauskatze von der nubischen Falbkatze abstammt und im Nahen Osten domestiziert wurde. Virchows Beobachtungen zur ägyptischen Verehrung der Katze sind jedoch weiterhin kulturhistorisch bedeutsam.

Der Gepard

Gepard

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© Marcus Skupin

"Liebe ist das höchste Gut der Welt! Wo Du sie findest, halte sie fest - denn ohne sie kannst Du nicht leben."

Marcus Skupin

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