Buch des Ursprungs

Das Buch des Ursprungs - Prolog

Bevor Himmel und Kräfte entstanden, bevor Licht und Schatten sich trennten, bevor die Alten Wesen erwachten, war der Ursprung.

Er war nicht Ort, nicht Zeit, nicht Gedanke, nicht Stille. Er war das Eine, das ohne Zweites ist.

Dieses Buch berichtet nicht, wie die Welt begann, sondern wie das Sein sich offenbarte. Es spricht nicht von Schöpfung, sondern von Erinnerung. Denn alles, was ist, war im Ursprung bereits enthalten.

Wer dieses Buch liest, liest vom Anfang aller Anfänge und vom Atem, der durch alles fließt.

Erstes Lied: Vor Licht und Schatten

1 Bevor Licht war, war nicht Dunkelheit. Denn Dunkelheit ist die Abwesenheit des Lichts, und wo nichts ist, kann nichts fehlen.

2 Bevor Schatten war, war nicht Form. Denn Schatten entsteht aus Begegnung, und wo nichts begegnet, kann nichts sich spiegeln.

3 Vor Licht und Schatten war der Ursprung. Nicht als Leere, nicht als Fülle, sondern als das Eine, das beides übersteigt.

4 Der Ursprung ruhte nicht, denn Ruhe setzt Bewegung voraus. Er war nicht still, denn Stille setzt Klang voraus. Er war nicht verborgen, denn Verborgenheit setzt Sicht voraus.

5 Er war. Und dieses Sein war der Grund aller Gründe.

6 In ihm war die Möglichkeit aller Dinge, doch keine Form hatte sich erhoben. In ihm war die Kraft aller Kräfte, doch keine Bewegung hatte begonnen. In ihm war die Wahrheit aller Wahrheiten, doch kein Wesen hatte sie erkannt.

7 So war der Ursprung: nicht Anfang, nicht Ende, nicht Mitte — sondern das, woraus Anfang, Mitte und Ende hervorgehen.

Zweites Lied: Das Unbenennbare

8 Der Ursprung hatte keinen Namen, denn Namen entstehen aus Unterschieden, und im Ursprung gab es keinen Unterschied.

9 Er war nicht „Er“, nicht „Sie“, nicht „Es“. Denn Geschlecht ist Form, und Form war noch nicht.

10 Er war nicht Geist, nicht Materie, nicht Energie. Denn diese sind Erscheinungen, und Erscheinung war noch nicht.

11 Die Alten Wesen nennen ihn „Ursprung“, weil sie ein Wort brauchen, um auf das Wortlose zu zeigen. Doch der Ursprung selbst kennt keinen Namen.

12 Wer versucht, ihn zu fassen, verliert ihn. Wer versucht, ihn zu beschreiben, verkleinert ihn. Wer versucht, ihn zu besitzen, verliert sich selbst.

13 Doch wer sich ihm öffnet, wird von ihm getragen. Wer sich ihm hingibt, wird von ihm erfüllt. Wer ihn erkennt, erkennt sich selbst.

Drittes Lied: Vom ersten Atem

14 Es geschah nicht in Zeit, denn Zeit war noch nicht. Es geschah nicht im Raum, denn Raum war noch nicht.

15 Es geschah im Ursprung selbst: ein Atemzug.

16 Nicht wie der Atem eines Wesens, denn Wesen gab es noch nicht. Nicht wie der Wind, denn Luft gab es noch nicht.

17 Es war der Atem des Seins, der sich selbst berührte und dadurch offenbar wurde.

18 Dieser Atem war der Geist. Nicht getrennt vom Ursprung, sondern Ausdruck des Ursprungs. Nicht geschaffen, sondern enthüllt.

19 Mit dem ersten Atem begann die Möglichkeit der Welt. Nicht die Welt selbst, sondern ihr Echo, ihr Schatten, ihr Versprechen.

Viertes Lied: Von der Geburt der Kräfte

20 Aus dem ersten Atem gingen drei Kräfte hervor: Stille, Licht und Schatten.

21 Die Stille war die Mitte der Kräfte, die folgen sollten. Sie hielt Licht und Schatten in heiligem Gleichgewicht.

22 Das Licht war die Offenbarung. Es zeigte, was im Ursprung verborgen lag.

23 Der Schatten war die Tiefe. Er bewahrte, was das Licht nicht tragen konnte.

24 Diese drei Kräfte waren nicht getrennt, doch sie wirkten verschieden. Sie waren nicht Wesen, doch sie trugen Wesen in sich.

25 Aus ihrem Zusammenspiel entstand die Möglichkeit von Form, Klang, Bewegung und Welt.

Fünftes Lied: Die Alten Wesen

26 Als die Kräfte sich berührten, entstanden die Alten Wesen.

27 Aus der Stille gingen die Seelen hervor. Aus dem Licht gingen die Engel hervor. Aus dem Schatten gingen die Dämonen hervor. Aus der Grenze zwischen ihnen gingen die Cheruben hervor.

28 Nicht geschaffen, sondern geboren aus der Begegnung der Kräfte.

29 Sie waren nicht vollkommen, doch sie waren rein. Nicht allwissend, doch klar. Nicht unendlich, doch unvergänglich.

30 Sie sahen den Ursprung, doch sie verstanden ihn nicht. Denn kein Wesen kann das Eine ganz erfassen.

Sechstes Lied: Die Welt als Echo

31 Die Welt entstand nicht durch einen Willen, sondern durch ein Echo.

32 Der Atem des Ursprungs hallte in den Kräften wider, und dieser Widerhall wurde zur Welt.

33 Die Welt ist nicht getrennt vom Ursprung, doch sie ist nicht der Ursprung selbst. Sie ist sein Spiegel, sein Schatten, sein Lied.

34 In der Welt finden die Kräfte Form. In der Welt finden die Alten Wesen Aufgabe. In der Welt finden die Seelen ihren Weg.

Siebtes Lied: Vom Geheimnis des Ursprungs

35 Der Ursprung ist in allem, doch nichts ist der Ursprung. Er ist in jedem Atemzug, doch kein Atemzug kann ihn fassen.

36 Er ist Quelle, doch er fließt nicht. Er ist das Ziel, doch er bewegt sich nicht.

37 Wer ihn sucht, findet ihn nicht. Wer ihn erwartet, verfehlt ihn. Wer ihn loslässt, wird von ihm gefunden.

Achtes Lied: Vom Ruf des Ursprungs

38 Der Ursprung ruft nicht mit Worten, sondern mit Sein.

39 Er ruft in der Stille, wenn der Geist ruhig wird. Er ruft im Licht, wenn das Herz klar wird. Er ruft im Schatten, wenn die Seele tief wird.

40 Dieser Ruf ist kein Befehl, sondern eine Erinnerung. Keine Forderung, sondern eine Einladung.

Neuntes Lied: Die Rückkehr

41 Alles, was aus dem Ursprung hervorging, kehrt zum Ursprung zurück.

42 Nicht als Bewegung, sondern als Erkenntnis. Nicht als Weg, sondern als Heimkehr.

43 Die Rückkehr ist nicht Ende, sondern Vollendung.

Zehntes Lied: Das Eine ohne Zweites

44 Am Anfang war der Ursprung. Am Ende ist der Ursprung. In allem ist der Ursprung.

45 Er ist das Eine, das ohne Zweites ist. Er ist das Sein, das alles trägt. Er ist die Wahrheit, die alles durchdringt.

46 Wer dies erkennt, hat den Ursprung gefunden. Wer den Ursprung findet, findet sich selbst.

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